Sonntag, 1. Juli 2012

Trauer

Trauer


Trauer ist ein schwieriges Thema und ein noch schwieriges Gefühl.
Wie geht man mit Menschen um die trauern, wie geht man mit seiner eigenen Trauer um?
Am 30. Dezember ist mein ältester Bruder gestorben, unerwartet, aus dem Leben gerissen, aus unser aller Leben. Nach dem ersten Schock kam die Trauer. Meine Trauer, die seiner Ehefrau, die meiner Mutter, seiner Kinder, meiner Brüder. So viele Personen, so viel Trauer, so viele verschiedene Positionen, so viele Ausdrucksarten.
Ich selbst brauchte 2-3 Tage, bis ich überhaupt begreifen konnte, was geschehen war, bis mir klar wurde, dass er mich nie wieder mit einem Küsschen rechts und einem Küsschen links auf die Wange begrüßen würde. Ich würde ihn nicht mehr anrufen können, wenn ich ihn brauchte. Ich würde ihn nie mehr über etwas schimpfen hören.
In den letzten Jahren hatten wir nicht viel Kontakt, nicht weil wir uns böse waren oder uns nicht mochten, es lebte jeder sein Leben. Doch ich wusste, er ist da. Er ist da, wenn ich ihn brauche, er ist da, wenn meine Mama ihn braucht.
Er war derjenige, der mich auf der Beerdigung meiner Nichte festhielt, als mein Weinen mich so heftig schüttelte, dass meine Knie ganz weich wurden.
Er holte uns zu sich, als mein Vater uns verließ und meine Mutter am Ende ihrer Kräfte war und ich, 8 Jahre alt, in Hilflosigkeit zu ertrinken drohte.
Ob wir nun viel Kontakt hatten oder nicht, ändert nichts an meinen Gefühlen für ihn, höchstens an einem, dem Bedauern ihn nicht besser gekannt zu haben. Ich weiß, welche Musik er mochte, welches Parfum ihm gefiel, welchen Alkohol er gar nicht ausstehen konnte, aber welches war seine Lieblingsfarbe, welcher sein Lieblingsfilm, was dachte er über so manches in und außerhalb der Familie?
Es ist schwierig für mich, mit der Trauer umzugehen. Ich möchte das die Gefühle aufhören, doch das tun sie nicht, sie halten sich nur manchmal im Hintergrund, um dann plötzlich wieder hervorzukommen. Eine Geste, ein Wort, ein Geruch, ein Gegenstand, eine Kleinigkeit löst ein Bild, eine Erinnerung aus und der Trauer öffnet es Tür und Tor. Dies geschieht, obwohl ich Bilder meide. In solchen Momenten muss ich an meine Schwägerin und meine Nichte denken. Alles in ihrer Wohnung hat eine Verbindung zu einer Erinnerung.
Ich bewundere ihren Mut und ihre Stärke.
Manchen Menschen hilft es sich mit Erinnerungen zu umgeben, für manche ist es ein nicht zu ertragender Schmerz.
Meiner Mutter hilft Ablenkung. Als sie es erfahren hat, war sie zwei Tage darauf zusammengebrochen. Sie war von einer Erkältung schon geschwächt, dann kam der Schmerz hinzu, der sie nicht schlafen, nicht essen ließ. Sie war bei uns gewesen, doch auf ihr Drängen ließ ich sie nach Hause. Ich hatte es falsch eingeschätzt. Nach ihrem Zusammenbruch war sie eine längere Zeit bei uns.
Von Tag zu Tag ging es ihr körperlich besser, doch die Trauer bahnte sich ihren Weg. Tagsüber ging es irgendwie, nur Nachts, wenn alles ruhig war und sie nicht schlafen konnte, dann redeten wir über ihre Gefühle, ihre Gedanken.
Das Schlimme ist, nichts ist normal und doch ist alles normal.
Alle Gegenstände sind an ihrem Platz, Geschirr wartet darauf gespült zu werde, Wäsche muss gewaschen werden, alles ganz alltäglich. Aber all das scheint nicht echt zu sein, schein zu einer anderen Welt zu gehören, so wie all die Menschen, die ganz normal zur Arbeit gehen, einkaufen, fröhlich mit jemanden am Handy quatschen.
All das kam mir nicht richtig vor.
Wie konnten die Menschen so tun, als sei nichts geschehen?
Weil für sie nichts geschehen war.
Weil sie ihn nicht kannten.
Weil sie Weihnachten hinter sich gebracht hatten und nun Vorbereitungen für Silvester trafen.
Das war mir klar, mein Verstand wusste das, doch meine Gefühle bäumten sich trotzdem auf.
Das ist wie mit dem Lachen, dem Genießen. Wann darf man wieder lachen? Sofort, nach ein paar Tagen, Wochen, Monaten?
Jedem der trauert würde ich sagen, die Person, die du verloren hast, würde nicht wollen, dass du dir etwas versagst. Lachen kann heilen, Freude stärkt uns.
Ich glaube das, was ich da geschrieben habe, trotzdem sind meine Gefühle in dieser Hinsicht sehr widerstreitend. Neben dem „Er-würde-nicht-wollen“ steht das Gefühl, es nicht zu dürfen. Wie kann ich lachen, wenn er es nicht mehr kann.
Ich weiß nicht, ob dieses Gefühl normal ist, ich weiß aber, dass es in zu hoher Dosis gefährlich ist. Es schiebt das Leben von einem weg. Man muss essen, trinken, atmen, um am leben zu bleiben, um bei Kräften zu bleiben, um in dieser Welt zu bleiben.
Mein Freund sagte zu mir, ich solle für meinen Bruder mitlachen.
Dahinter steckt eigentlich der Gedanke, das Gefühl den Verstorbenen zu ehren. Jemanden Ehren hat nichts mit falschem Stolz zu tun oder mit Huldigung, es ist ein wärmendes Gefühl der Liebe.
 Es ist das Lächeln auf den Lippen, wenn man ein Duft riecht und sich denkt, das hätte ihm gefallen.
Ich liebe dich.

Kommentare:

  1. Liebe Angela,
    so wie du das geschrieben hast, vermittelt es mir das Gefühl, dass du langsam mit all dem abschließt. Es klingt vielleicht abgeklatscht, aber jeder geht doch mit deiner Trauer anders um, manche trauern länger, andere trauern nur eine kurze Zeit lang und steigen dann wieder ins Leben ein, das ist deren Weg damit umzugehen.
    Du hast dich scheinbar nicht von deiner Trauer auffressen lassen, das ist gut, sonst hättest du diesen Beitrag ja wohl kaum geschrieben.
    Ich will dir nichts vorschreiben, aber jetzt ist es dein gutes Recht und vielleicht auch an der Zeit, wieder an ihn zu denken, zu lächeln und zu denken "Ich vermisse dich, aber es war eine schöne Zeit, die wir miteinander verbracht haben."
    Ich befinde mich gerade in einer ähnlichen Situation, zwar ist niemand gestorben, aber mir kommt es so vor, denn der Abschied war auch ganz plötzlich, schmerzhaft und hat mich viel Kraft gekostet. Ich selbst bin noch nicht an dem Punkt, an dem ich lächelnd Danke für die gemeinsame Zeit sagen kann, aber ich werde auch irgendwann dort angelangen.
    Viel mehr kann ich dir nicht schreiben, außer, dass ich dir ganz viel Kraft wünsche. Du kannst dich sehr gerne melden, wenn dir danach ist.
    Liebe Grüße,
    Mel

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  2. Danke für deine netten Worte. Ich glaube, so ganz abschließen kann man nicht, vielleicht wäre das auch schlimm. Ja, jeder geht anders mit Trauer um, ich habe mich entschieden etwas zu schreiben, weil das meine Gedanken und Gefühle ein wenig ordnet, aber auch weil ich meinem Bruder ein Gedenkstein setzen wollte.
    Manchmal gelingt es mir mit einem Lächeln an ihn zu denken, aber nicht immer. Oft tut es einfach weh, manchmal schieb ich den Gedanken weg. Es braucht seine Zeit.
    Es braucht seine Zeit liebe Mel, wenn du um jemanden trauerst, den du, wie auch immer, verloren hast, dann gibt es erst einmal nur Wut und Traurigkeit. Lass sie raus, aber lass dich nicht vollständig von ihnen beherrschen. Haben sie ein wenig an Kraft verloren, dann beginnt es besser zu werden, allerdings braucht das seine Zeit. Keine Wunde heilt von heute auf morgen, keine körperliche und auch keine seelische Wunde. Allerdings wird sie heilen, daran musst du denken.

    Wenn du darüber reden möchtest, kannst du mich auch gerne kontaktieren.

    Ganz Liebe Grüße,
    Angela

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