Mittwoch, 29. Januar 2014

Vom Dschungelcamp, dem Nicht-Denken und dem Abweichen von der Norm



Ich gebe es offen zu, ich schaue mir das Dschungelcamp an. Vor zwei Jahren ist überraschend mein ältester Bruder gestorben, einen Tag vor Silvester. Es war eine sehr schwierige Zeit für mich. Da war die Trauer und die Sorge um meine Mutter, die aufgrund des Schocks zusammengebrochen war und dann starb auch noch unsere Hepzi.
Es mag merkwürdig klingen, aber das Dschungelcamp hat mir ein bisschen geholfen, diese Zeit irgendwie zu überstehen. Das Dschungelcamp ist ein Format, was keine Leistung (außer Sehen und Hören) vom Zuschauer verlangt. Man kann sich einfach berieseln lassen, ohne nachzudenken. Genau das habe ich damals getan, ich habe mich stumpf berieseln lassen und kam für eine kleine Weile zur Ruhe. Nicht denken, nicht fühlen, nur berieseln lassen. Das tat gut.

Die vergangenen Wochen waren auch nicht so leicht für mich und so nutze ich das Dschungelcamp erneut zum Abschalten. Nur dieses Mal schaltet sich mein Kopf doch ab und an ein. Besonders Larissa bringt mich zum Nachdenken. Besser gesagt ihr Platz oder Nicht-Platz in der Gruppe macht mich nachdenklich.
Sie ist aufgedreht, verschroben und ziemlich oft ziemlich durch den Wind. Dass solch ein Verhalten nerven kann, glaube ich gerne. Mit Sicherheit hätte ich sie auch einige Male angefahren, besonders bei knurrenden Magen. Ich werde zu Hyde, wenn ich Hunger habe und auch Schlafmangel kann ihn hervorbringen.
Trotzdem stellt sich mir immer wieder die Frage, ist in unserer Gesellschaft kein Platz für Menschen, die von der “Norm“ abweichen?
Alle sind im Stress, alles muss nach Plan laufen, alles hat seinen Termin. Dann ist da jemand, der Unruhe in diese Abläufe bringt, weil er aufgedreht ist oder langsamer oder einen anderen Rhythmus hat. Was jetzt?

Mich persönlich erschreckt es, wie sehr alle auf Larissa einprügeln. Sie macht etwas (verschüttet etwas, fällt hin oder sucht sich einen Wolf) und alle stürzen sich drauf. Nicht einer ist genervt, sondern alle beteiligen sich, auf sie zu schimpfen. Mein Freund sagte gestern: “Hat denn keiner von denen einen Beschützerinstinkt? Egal ob sie nervt oder nicht, aber wenn sie so angegriffen wird, müsste sich doch wenigsten einer beschützend vor sie stellen.“

Wenn sich jemand anders verhält als es der gängigen “Norm“ entspricht, kann das irritieren. Man weiß nicht, wie man reagieren soll, fühlt sich vielleicht sogar etwas hilflos. Es ist nur erschreckend, dass viele Menschen auf diese Irritation genervt, abweisend, manchmal sogar aggressiv reagieren.
Ist es nur Mangel an Geduld oder wird man wirklich als Störfaktor empfunden?

Natürlich geht mir dieses Thema auch den den Kopf, weil ich diese lustige Angststörung habe, die nicht nur für mich anstrengend ist, sondern auch für meine Mitmenschen. Egal, ob man eine Panikattacke hat, oder eine depressive Phase oder man wie ein aufgescheuchtes Huhn durch den Urwald stolpert, wenig hilfreich ist der Satz "Jetzt reiß dich mal zusammen!“. Wenn es so einfach wär, dann würde man es ja tun, doch so einfach ist es nicht. Es kostet viel Kraft und Konzentration, diese einnehmenden Gefühle wieder einigermaßen unter Kontrolle zu bringen.
Man ist nicht voller Panik, aufgedreht oder traurig, weil man jemanden ärgern oder nerven will. Hätte ich die Wahl, würde ich auch liebend gern auf die Angst verzichten, sie ist nämlich einfach nur anstrengend und wirklich unlustig.

Der Punkt ist, hinter dem “Abweichen von der Norm“ steht ein Wesen mit Gefühlen, in den meisten Fällen sogar sehr ausgeprägten Gefühlen. Egal was man hat oder nicht hat, man ist mehr als das. Die Angst nimmt viel zu viel Raum in meinem Leben ein, aber ich bin mehr als die Angst. Ich bin ein Lebewesen mit Gefühlen und Gedanken, mit Talenten und Macken.
Von einer Situation kann man sich nerven lassen, aber schaut über den Tellerrand, die Person, die diese Situation gerade hervorruft, ist mehr als das.


Ich wünsche allen einen ungenervten Tag.

Angela

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