Samstag, 25. April 2015

Der Besucher von Sarah Waters


Schauerroman Der Besucher von Sarah Waters


Das Cover hat gesagt, nimm mich in die Hand und der Klappentext überzeugte mich, das Buch zu kaufen.

Im Stil der viktorianischen Schauerromane.

Da konnte ich nicht nein sagen. Wahrlich wurde ich nicht enttäuscht. Es handelt sich um einen leisen Horror, der durch das Ungewisse erzeugt wird. Merkwürdige Dinge gehen auf Hundreds Hall vor und es bleibt bis zum Schluss im Dunkeln, ob übernatürliche oder natürliche Kräfte dafür verantwortlich sind.
Der Schluss ist übrigens brillant.

Der Landarzt Dr. Faraday führt uns durch das Anwesen, das kleine Dorf. Durch seine Augen und Gedanken lernen wir die Charaktere in dem Buch kennen und natürlich auch Hundreds Hall. Der Leser erfährt die Geschichte demnach nur aus der subjektiven Sicht des Doktors, allerdings schafft es Sarah Waters, dass man sich trotzdem seine eigene Meinung von den Personen und den Geschehnissen bilden kann.

Ich habe die 573 Seiten verschlungen. Es fiel mir sehr schwer das Buch aus der Hand zu legen, deswegen habe ich an Tagen, an denen ich wenig Zeit zum Lesen hatte, das Buch auch gar nicht erst zur Hand genommen. In der Mitte gibt es eine kleine Episode, die sich für mich persönlich ein wenig gezogen hat, aber wahrscheinlich, weil ich unbedingt dem Geheimnis auf die Spur kommen wollte.

Ich war sehr angetan von dem Schreibstil der Autorin. Ohne Schnörkel, ohne Schwülstigkeit schafft sie es, eine fast schon romantische Atmosphäre zu schaffen. Doch noch mehr hat mich ihr Können betreffend der Charakter-Darstellung beeindruckt. Die Charaktere sind nicht sympathisch, sie sind menschlich. Sie verhalten sich ihrem Stand, ihrer Erziehung entsprechend. Sie sind gefangen in ihrem Dasein, das bestimmten Normen und Regeln unterworfen ist. Man spürt den inneren Kampf, den Wunsch auszubrechen, was sie dann wieder sympathisch macht.
Sarah Waters sagt dem Leser nicht, wie die Personen sind.
„Sie ist hübsch. Er ist nett. Sie ist schüchtern …“
Der Leser muss sich die Charaktere selbst erschließen, indem er ihre Mimik, Gestik, ihre Reaktionen und ihr Verhalten interpretiert. Ich mag das, denn es macht die Personen realer. Wenn man jemanden kennenlernt, hat man auch selten einen Sprecher im Hintergrund, der einem sagt, wie die Person ist. Wir lernen sie nach und nach durch die oben genannten Punkte kennen.
Für mich ist das großes, schriftstellerisches Können.

Wer einen hervorragend geschriebenen Schauerroman mit Tiefe lesen möchte, der wird seine Freude an Der Besucher haben. Doch dieses Buch lebt davon, dass ich als Leser mitdenke, mir die Charaktere erarbeite, mich auf die Zeit und die gesellschaftlichen Verhältnisse einlasse und die Figuren so nehme, wie sie sind, nämlich menschlich.
Wer schnellen, möglichst blutigen Horror sucht, mit Figuren von der Stange, der wird das Buch wahrscheinlich nicht mögen.

Der Besucher ist ein großartiges Werk, das zu meinen Lieblingsbüchern zählt.


Titel: Der Besucher
Autor: Sarah Waters
Verlag: Bastei Lübbe
Preis: 9,99 €

Ich wünsche Euch einen viktorianisch, unheimlichen Tag.


Angela


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