Dienstag, 21. April 2015

Interview mit J. Mertens / Mobilus Moonworks

Kennt ihr das, durch Zufall stolpert man manchmal über Bücher, die sich als kleine Juwelen herauskristallisieren?
Große Werbemaßnahmen machen es einfach von einem neuen Buch (manchmal auch einem hervorragenden, neuen Buch) zu hören. Gibt es diese riesige Werbung nicht, oder ist sie leiser, ist es schwieriger, so ein tolles Buch zu finden.

Ich möchte euch heute einen Autor vorstellen, der mich wieder zu Schauergeschichten gebracht hat. Für jemanden wie mich, der mit 13 Lovecraft und Poe gelesen hat, ist es manchmal schwierig einen guten gruseligen Roman zu finden. Gehnicht durch diese Kellertür von J. Mertens war so ein richtig guter, schauerlicher Roman. Er ist intelligent, abwechslungsreich und spannend geschrieben. Der Horror ist subtil, baut sich auf, fesselt den Leser.

J. Mertens hat einen unglaublich guten Erzählstil, den er nutzt, um die Figuren sehr plastisch darzustellen. Da ich der Meinung bin, dieser Autor verdient mehr Aufmerksamkeit, stelle ich ihn euch heute etwas genauer vor.


J. Mertens



1.) Fangen wir damit an, dich in eine Schublade zu stecken. In welches Genre lassen sich deine Bücher einordnen?
Oder brauchst du mehr als eine Schublade oder vielleicht eine völlig neue?

Meine Hauptgenres sind in jedem Fall Horror und Phantastik, wobei die Themen jedoch zuweilen auch grenzübergreifender Natur sind und verschiedene Subgenres bedienen. Phantastik bezeichnet ja in erster Linie Geschichten, die aufgrund derzeit geltender wissenschaftlicher Grundsätze in der Wirklichkeit unmöglich geschehen können. Einige meiner Stories erfüllen aber schon eher die Kriterien des Gruselkrimis; sie deuten auf übernatürliche Vorgänge hin, lösen sich aber im Laufe der Handlung auf rationale Weise auf. In Planung sind auch Handlungsstränge, die Elemente der Science Fiction beinhalten. Darüber hinaus finden sich auch Psychothriller und klassisch angehauchte Geistergeschichten sowie sehr blutiger Extremhorror, also Splatter und Gore. Wie man die Schublade nennen könnte, in der sich all das zusammenfindet, weiß ich selbst nicht.

2.) Eine Standardfrage sei mir erlaubt. Wie bist du zum Schreiben gekommen? Wann wusstest du, dass du ein Schriftsteller bist?

Mit dem Schreiben angefangen habe ich schon als kleines Kind. Schon immer war mein Kopf derart mit Ideen voll, dass ich alle möglichen Ventile suchte, um nicht zu explodieren. Und schon damals war der Fokus meines Interesses auf die „Dinge hinter den Dingen“ gerichtet. Bei Todesfällen malte ich mir aus, was mit dem Verstorbenen geschehen würde, und mit ungefähr drei Jahren erwachte durch einen solchen Vorfall mein Interesse an Parapsychologie und Okkultismus. Obwohl ich als Kleinkind viel gezeichnet habe, wählte ich dann doch die schriftliche Variante, um die Gedanken zu entlassen, und es war ein ziemliches Glück, dass ich schon lesen und schreiben konnte, bevor ich in die Schule kam. Schon damals verfasste ich hobbymäßig kurze handschriftliche und fast unleserliche Geschichten, und meine Eltern wunderten sich schon zu jener Zeit über die sehr ausgefallenen Ideen, die mit der Zeit immer blutiger wurden. Gegen Ende der 70er Jahre verfasste ich erstmals etwas längere Plots auf der Schreibmaschine und wagte mich 1983 an den ersten Roman, den ich irgendwann noch einmal überarbeiten werde. Doch der eigentliche Startschuss, der die Schriftstellerei aus den Grenzen eines bloßen Hobbys für mich herausdrängen sollte, fiel erst im Jahre 1988, als ich meine Kurzgeschichte „Liesa“ verfasste. Fortan gab ich mir mehr Mühe und schrieb in den 90ern auch drei Kurzgeschichten für eine Motorradzeitschrift („Die Nacht der Walküren“, „Der Felsen“ und „Heldenwind“). Sie alle sind heute in meiner Kurzgeschichtensammlung Psychotische Episoden enthalten, das zum ersten Mal 2007 in einer Kleinstauflage erschien; das Aufkommen der Möglichkeiten zum Selfpublishing machte es möglich. Seitdem ist die Schreiberei aus meinem Leben nicht mehr wegzudenken.

3.) Wie kommst du zu deinen Buchideen? Hast du eine Muse, einen Denkhelm oder erarbeitest du die Idee auf eher analytische Weise?

Wenn es wirklich eine Muse ist, dann entstammt sie wohl eher dem Tartaros als dem Olymp. Aber in der Tat habe ich kaum eine Idee bislang in mühevoller Kleinarbeit erarbeiten müssen. Ich bin ein sehr visueller Mensch, und die Grundzüge einer Geschichte entstehen ganz plötzlich, durch einen kleinen Impuls, vor meinem geistigen Auge. Die Idee zu „Geh nicht durch diese Kellertür“ kam mir unvermittelt während meiner Arbeit in einer Kunststoffspritzerei, ohne dass ich einen erkennbaren Zusammenhang zu meiner Tätigkeit erkennen konnte. Plötzlich war sie da, und fast der gesamte Plot entstand innerhalb von Minuten. Wie schon gesagt: Seit meiner Kindheit überschlagen sich die Gedanken in meinem Kopf, und ich drohe, wahnsinnig zu werden, wenn sie nicht herausgelangen. Läge mir die Schreiberei weniger, hätte ich mich vielleicht der Malerei oder der Filmerei zugewandt, um das zu bewerkstelligen. Ein solches automatisches Kopfkino ist, besonders bei meiner Thematik, sicherlich Gabe und Fluch zugleich und würde viele Zeitgenossen geradewegs ins Tollhaus verfrachten. Insbesondere meinen Träumen widme ich größeres Augenmerk. Viele von ihnen finden Einzug in meine Geschichten, und es sind gerade die gefürchteten Alpträume, die mich besonders faszinieren. Es mag nicht gerade gesund klingen, aber ich liebe Alpträume. Elemente dieser nächtlichen Visionen sind beispielsweise enthalten in meinen Kurzgeschichten „Tief unten“ und „Die Stunde des Phaeton“, aber auch in einigen Gedichten meines Lyrikbandes „Zerfall“. Was die meisten Menschen fürchten, scheine ich förmlich zum Leben zu benötigen.


4) Hast du Schreibmacken? Kannst du z.B. nur nachts schreiben? Musst du alles erst mit einem grünen Stift vorschreiben? Oder brauchst du eine bestimmte Ordnung auf dem Schreibtisch?

Bevor ich eine Kurzgeschichte schreibe, muss ich erst ein Bild dazu erstellen. Beim Roman ist es ebenso: Erst muss das Cover fix und fertig sein, dann erst geht es an die eigentliche Arbeit. Jedes Mal, wenn ich mich zum Schreiben hinsetze, werfe ich als erstes einen Blick auf das Cover. Warum das so ist, weiß ich nicht. Aber irgendwie scheint der wiederholte Blick auf das Bild nötig zu sein, um die Stimmung in der Geschichte zu halten. Eine weitere Macke sind die immer wieder eingelegten Schreibpausen. Besonders krass war dies bei Mondo Criminale“. Mittendrin lag das Manuskript für über ein halbes Jahr brach, weil ich weder Zeit noch Ruhe dafür fand. Dann wurde es in einem Anfall von Schreibwut innerhalb von zwei Wochen fertig.

5.) Deine Figuren sind sehr gut und lebendig gezeichnet. Liegt beim Schreiben auch dein Hauptaugenmerk auf der Ausarbeitung der Personen oder schüttelst du dir das einfach aus dem Ärmel?

Das geht eigentlich recht schnell. Ich charakterisiere die handelnden Personen nur kurz und werde mir über ihren Stand in der Geschichte klar. Den Rest machen die eigentlich sozusagen schon von alleine. Manchmal vergleiche ich sie auch einfach mit realen, mir bekannten Personen. Dann lasse ich sie so handeln und argumentieren, wie ich es von ihren Vorbildern erwarten würde. In fast allen Geschichten kommt auch eine Person vor, die mir sehr ähnlich ist oder einen ganz bestimmten Zug von mir trägt. Obwohl die Idee schon vorher bestand, schrieb ich meine „Kellertür“ erst zu einer Zeit, in der ich meinen damaligen Job aufgrund eines Beinahezusammenbruchs aufgegeben hatte, und ich war um Haaresbreite an einer depressiven Erkrankung vorbeigeschlittert. Es dürfte daher schnell klar werden, was hinter dieser Geschichte gesteckt hat und warum Brick Farnham so ist, wie er ist. Die Phase, die er da durchmacht, war der meinen sehr ähnlich. So ist es mit vielen meiner Stories. Die augenblickliche Stimmung schlägt sich in irgendeinem Protagonisten nieder. Nur, wer meine Texte liest, weiß, was sich in mir wirklich abspielt. Aber wohlgemerkt gilt das nicht für alles, was in einer Geschichte passiert, sondern nur für bestimmte latente Charakterzüge. Natürlich bin ich kein Folterknecht oder Leichenschänder.

6.) Welche Bücher liest du? Hast du Autoren-Vorbilder?

Auch hier bin ich fest mit der Phantastik verwachsen. Angefangen habe ich mit Poe und Lovecraft. Später kamen dann auch populäre Autoren hinzu wie Stephen King, Clive Barker oder Dean Koontz. Als Vorbilder würde ich diese Meister aber nicht unbedingt bezeichnen. Sie inspirieren mich natürlich, aber ein Vorbild ist man nur allzu oft versucht, zu kopieren. Oft stürze ich mich auch auf Perlen der Selfpublisherszene. „Die Beschleunigung der Angst“ von Andreas Acker hat mir sehr gut gefallen. Es sind oft sehr unbekannte Autoren, in denen ich eine Menge Potential sehe, und ich finde es sehr schade, dass diese Juwelen so wenig Beachtung finden. Gäbe es nicht auf Twittereinträgen aufgebaute Internetzeitschriften wie „Writers Online“ von R. O. Schäfer oder „Der neue Ebook-Club“ von Lutz Schafstädt, würden sie vermutlich unverdient noch viel tiefer in der Versenkung verschwinden. Daher sind meine eigentlichen Vorbilder eher in Autorenkollegen zu sehen, die sich mit gegenseitiger Unterstützung helfen und vernetzen, damit Selbstverleger mit der Zeit einen besseren Stand bekommen. Ich selbst bin ebenfalls in einem solchen Netzwerk aktiv, das von John McLane, Administrator der Facebook-Gruppe „Autoren_Netzwerk“, ins Leben gerufen wurde. Durch solche Vernetzungen und Gruppen entstehen auch zuweilen Kontakte zu namhaften Autoren, die schon seit Jahrzehnten im Geschäft sind. So war ich sehr überrascht, als John McLane ausgerechnet Wolfgang Hohlbein, dessen „Hexer“-Serie ich gerade lese, anschrieb, um ihn für ein Onlinegespräch zu gewinnen.


7.) Entwickelt sich die Geschichte beim Schreiben oder folgst du streng einem zuvor erarbeiteten Plot?

Nun, sagen wir mal so: Der Plot wird in jedem Fall vorher erstellt. Dennoch ändert sich die Story immer wieder, und das ist zuweilen recht unheimlicher Natur. Manchmal habe ich den Eindruck, dass ich das gar nicht selber schreibe, sondern dass die Figuren einfach machen, was sie wollen. Bei „Mondo Criminale“ ging das schon ins Extreme: Ich hatte für die verschiedenen Handlungsstränge ein Treatment entwickelt, das nahezu den gesamten Wohnzimmerboden ausfüllte. Dieses übertrug ich fein säuberlich in eine Zeitleiste mit unmissverständlichen Angaben, was auf welche Handlung folgt. Dennoch riss sich die Geschichte irgendwie von mir los und entwickelte sich in eine völlig andere Richtung. Jede noch so unbedeutende Szene änderte sich irgendwie von selbst und zwang mich, den weiteren Verlauf im Vorfeld in meinen Notizen entsprechend anzugleichen, damit ich mich nicht verzettelte. Doch nach vollbrachter Änderung wurden selbst die Änderungen noch geändert. Das Ganze wurde mit der Zeit immer gewalttätiger, und allmählich fielen mir meine eigenen Protagonisten auf die Nerven. Am Ende war ich regelrecht froh, das ganze Pack endlich los zu sein.


8.) Könntest du dir vorstellen auch mal etwas ganz anderes zu schreiben z.B. einen richtig schnulzigen Liebesroman?

Um ehrlich zu sein, würde ich so etwas noch nicht einmal lesen. Ausnahmen mögen vielleicht die heute populären „Dark Romances“ sein wie beispielsweise die Bis(s)-Reihe um Bella und Edward oder ähnliches. Dennoch kann ich mir nicht vorstellen, jemals selbst so etwas zu verfassen. Ich würde mich da schon beim Schreiben langweilen, und zum damit zusammenhängen Erotikfaktor fällt bei meinen Geschichten sicher auf, dass bislang noch jeder Protagonist, der sexuellen Aktivitäten gleich welcher Art nachgeht, am Ende einer heftigen „Strafe“ unterzogen wird. Ich hasse ausschweifende Liebes- und Sexszenen in Romanen und Filmen und freue mich dann stets aufs Neue, wenn endlich der nebulöse Maskenmann mit der Axt auf der Bildfläche erscheint, um diese Zeit- oder Papierverschwendung zu beenden. Daher widme ich mich Geschichten, in denen es ausschließlich um Liebe oder Erotik geht, gar nicht erst.

9.) Hast du ein Haustier? Mir ist nämlich aufgefallen, dass viele Autoren eine Affinität zu Katzen haben.

Dann erlaube ich mir, deine Theorie zu bestätigen, denn ich habe tatsächlich eine Katze. Allerdings ist das nicht mein erstes Haustier. Ich hatte zuvor schon Ratten, Vogelspinnen und Skorpione. Als Kind wollte ich immer einen Hund, was mir meine Eltern aber ausredeten. Dass ich seinerzeit auf die Katze kam, war eigentlich weniger auf eine Affinität diesen Tieren gegenüber zurückzuführen. Eine Bekannte von mir hatte Beziehungen zu einer Tierpension, und deren Besitzerin hatte eine ausgesetzte Katze aufgelesen, die sehr scheu war und sich mit den anderen Tieren dort nicht vertrug. Deswegen wollte sie das arme Ding unbedingt in gute Hände loswerden. Als ich dort persönlich erschien, kam dieses kleine schwarzweiße Wollknäuel gleich auf mich zugelaufen, und so entschied ich mich dafür, das herrenlose Tier zu übernehmen. Lilly ist jetzt 16 Jahre alt und bei bester Gesundheit. Irgendwie ist sie mir charakterlich sogar etwas ähnlich.

10.) Wem könnten deine Bücher gefallen? Welche Leserschicht sprichst du an?

Horror-, Thriller- und Phantastikfans sollten eigentlich gleichermaßen auf ihre Kosten kommen. Ein besonderes Lob wurde mir mal von einer Leserin zuteil, die sich durch „Geh nicht durch diese Kellertür“ an den Roman „Die Therapie“ von Sebastian Fitzek erinnert fühlte. Da ich mit meinem Genre eher ein Nischenprodukt bediene, versuche ich natürlich immer, auch andere Sparten zu streifen. „Mondo Criminale“ ist neben seinem paranormalen Hauptstrang ebenso Krimi wie Actionthriller. Die „Kellertür“ beinhaltet ebenfalls Krimielemente, aber durch die 9/11-Thematik auch zeitgenössische Einflüsse aus der Jahrtausendwende. Und in „Genius Vacui“ wird tatsächlich auch das Thema Liebe sehr groß geschrieben, allerdings durch seine nekrophile Entsprechung in sehr entarteter Weise.

11.) Zum guten Schluss natürlich die obligatorische Frage; Woran arbeitest du zurzeit und wann kann man es lesen?

Derzeit ist die Fortführung meiner Kurzgeschichtensammlung „Psychotische Episoden“ in der Entstehung, und sie ist knapp zur Hälfte fertiggestellt. Den Leser erwartet der übliche Spagat zwischen Spukgeschichten (z. B. „Das leere Grab im Wald“) und hartem Splatter (z. B. „Schizus“). Wir begegnen auch Dr. Stockwell erneut in einer widerlichen Angelegenheit, verfolgen den leckeren Schriftwechsel zweier Gerichtsmediziner, befinden uns plötzlich auf einer Kurve ohne Ende und in einem Omnibus, dessen eigentliches Ziel niemand so recht erwartet hat. Geplant war dieser Band eigentlich für den Sommer. Ob ich das aber schaffe, steht noch in den Sternen, da sich momentan ein paar Dinge aufgetan haben, von denen ich noch nicht weiß, wie sie sich entwickeln. Mein Augenmerk ist daher momentan verstärkt auf das ganze Drumherum gerichtet. Ich gehe aber in jedem Fall davon aus, dass der Band „Weitere Psychotische Episoden“ noch in diesem Jahr erscheint.


Ich danke dir für dieses interessante und amüsante Interview.


Website: http://www.mobilus-moonworks.com/
Autoren-Seite-Amazon: J. Mertens


Ich wünsche Euch einen neugierig-machenden Tag.

Angela

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