Montag, 28. September 2015

Das Landleben; Resümee nach einem Jahr


Es ist über ein Jahr her, dass wir von der Stadt aufs Land gezogen sind. Die Umstellung war nicht einfach, vor allem, weil wir weitab von Familie und Freunden sind. Aber auch an Geschäfte, die Mittagspause machen und am Samstag bereits um 13 Uhr schließen, mussten wir uns erst gewöhnen (müssen es eigentlich immer noch).

Die Geräusche sind anders, Entfernungen sind anders, der Umgang miteinander ist manchmal anders. Fragt man in der Stadt nach dem Weg und bekommt die Antwort, man muss an der nächsten Ampel rechts abbiegen, dann ist diese Ampel höchsten 2 Minuten entfernt. Hier beginnt man nach zehn Minuten zu zweifeln, ob man die Ampel übersehen hat oder womöglich in die falsche Richtung fährt.
Ist nicht weit weg“, bedeutet auf dem Land auch mal eine Stunde Autofahrt. Ohne Auto ist man ehe ein bisschen aufgeschmissen. Es gibt auf dem Land zwar Busse und Züge, doch die fahren nicht alle 20 Minuten. Straßen oder U-Bahnen sucht man hier vergeblich.

Es ist anders und doch gleich. Anders ist übrigens keine Wertung.

Lubentius-Basilika

Worüber wir immer wieder staunen, ist die Landschaft. Manchmal ist der Himmel in so unglaubliche Farben getaucht, dass man meint ein Gemälde zu betrachten oder einen Raum-Zeit-Riss. Berge, Hügel und Weiten. Morgentau lässt Spinnennetze in der Sonne glitzern, als sein sie aus Edelsteinen geschaffen worden. Der Mond erstrahlt hinter den zerfallenen Zinnen einer alten Burg und erweckt sie zu schauerlichem Leben.

Schweife ich ab?
Die Landschaft ist einfach inspirierend. Im August stand der Mais so hoch, dass man nicht mehr über ihn hinwegschauen konnte. Jedes Mal, wenn wir an den Maisfeldern vorbeifuhren, hatten wir denselben Gedanken; Stephen King kann bei solch einem Anblick gar nicht anders, als dieses Motiv zu verwenden.

Was ich sehr mag und mich gleichzeitig manchmal verrückt macht, ist die Gelassenheit der Leute. Man plauscht erst noch mit jemanden ausführlich oder sucht in aller Ruhe etwas heraus, das wirkt auf einen Hektiker wie mich oft beruhigend und lässt mich selbst ruhiger werden. Manchmal steigert es aber auch meine Ungeduld, vor allem, wenn es mir nicht so gut geht.

Ich habe euch ja bereits von der Begrüßungen berichtet. Begegnet man jemanden auf der Straße und sieht diese Person an, dann begrüßt man sich (meistens). Das finde ich herrlich, es ist freundlich und aufmerksam. Das ist schön. Das sagt übrigens jemand, der gerne so vertieft in seine Gedanken ist, dass er an seiner Schwägerin, Nichte und Neffe vorbeiläuft ohne sie zu sehen.

Etwas ganz Besonderes ist für mich das Einkaufen oder Bummeln. Selbst in den großen Läden sind die Mitarbeiter meistens freundlich. Sie grüßen, laufen nicht weg, wenn man eine Frage hat und sind unglaublich hilfsbereit.
Noch lieber gehe ich in kleine Läden. Mein/unser absolutes Highlight war die Entdeckung des Zuckerstübchens. Nicht nur, dass die Liköre, Öle, Tees und all die anderen Sachen unglaublich lecker, ausgefallen und schön sind, ich bin auch noch nie so herzlich begrüßt worden.
Das mag etwas komisch klingen, aber … Nein, da muss ich anders anfangen. Man mag es kaum glauben, aber im Grunde meines Herzens bin ich schüchtern. Deswegen bin ich eher ein Beobachter, wenn ich in eine neue Situation hineinkomme. Wenn ich dann auch noch völlig fremd bin, steigert sich diese Schüchternheit. Ich weiß; wie passt Neugier und Schüchternheit zusammen? Ich bin ein Mensch voller Widersprüche.
Worauf ich hinaus wollte, die Besitzerin des Zuckerstübchens war so freundlich, locker und offen, dass sich meine Befangenheit sofort verflüchtigte. In ihren Worten war so viel Aufbauendes. Wir berichteten, wie wir das Zuckerstübchen gefunden hatten und das wir erst vor kurzem nach Hessen gezogen waren. Sie machte uns Mut, ruhig offen auf die Menschen zuzugehen und gab uns Tipps, wie man Anschluss finden kann. Das war einfach toll.

Also, wie sieht es nach über einem Jahr aus?

Überall gibt es nette und nicht so nette Menschen. Die Einsamkeit kann erholsam, aber auch beängstigend sein. Es ist anders und doch gleich. Das Wichtigste ist, neugierig zu sein.


Ich wünsche Euch einen neugierigen, ländlichen Tag.

Angela

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