Montag, 21. März 2016

Gutmensch ist kein Schimpfwort

Ich möchte mich heute mal mit euch über etwas unterhalten, das mich seit Tagen beschäftigt. Mir schwirren so viele Gedanken dazu durch den Kopf, dass es schwierig ist, sie in Worte zu fassen, aber ich bemühe mich.

Es gab zwei Philosophen (es gab und gibt noch mehr als zwei Philosophen), die gegensätzlicher Meinung waren.
Thomas Hobbes
vertrat den Standpunkt, dass der Mensch von Anbeginn seiner Existenz böse ist, woraus sich die Notwendigkeit von Gesetzen und Strafen ergeben.
Charles-Louis de Secondat, Baron de Montesquieu
ging von der Theorie aus, dass der Mensch von Natur aus gut sei und erst durch die Gesellschaft, Lebensumstände böse wir.

Ich bin der Meinung, der Mensch ist sowohl als auch. Jeder trägt beide Prägungen in sich. Bei manchen ist die Anlage zum Guten stärker, bei manchen zum Bösen.

Warum erzähle ich euch das?

Ich habe einen Artikel von einem Journalisten gelesen, der auszog die AfD-Wähler zu verstehen. Er meldete sich bei Facebook unter falschen Namen an und begab sich unter AfD-Wähler, besorgte Bürger, Nazis. Menschen mit ganz unterschiedlichen Gesinnungen versammelten sich unter diesen Begriffen. Auf die Nazis will ich gar nicht eingehen, ich möchte den Fokus auf die Protest-Wähler und besorgten Bürger richten.
Ich konnte diesem Artikel entnehmen, dass diese Leute Angst haben. Sie haben Angst vor dem, was sie nicht kennen oder verstehen.
Diesen Punkt können wahrscheinlich viele nachvollziehen. Das Unbekannte kann einem Angst machen, deswegen muss man aber noch lange nicht das Wesentliche übersehen; Wir sind alle nur aus Fleisch und Blut.

Bei diesen Menschen kommt jedoch noch ein weiterer Punkt hinzu. Sie fühlen sich verloren im Wandel der Zeit. Plötzlich (auch, wenn es nicht so plötzlich ist) muss man bei Berufsbezeichnungen die weibliche Form dranhängen. Männer wollen Männer und Frauen wollen Frauen heiraten. Der Negerkuss heißt Schaumkuss. Alleinerziehende sind Normalität. Frauen wollen nicht zuhause bleiben und die Kinder hüten. Nur, weil man Ausländer zu jemanden sagt, der eindeutig ausländisch aussieht, jedoch in Deutschlang geboren wurde, ist man gleich ein Nazi.
Die Welt, in der sie aufgewachsen sind, all die Dinge, die man ihnen als richtig und gut beigebracht hat, zerbröckelt plötzlich.

Jetzt kommt der entscheidende Punkt. Keiner will ein schlechter Mensch sein, selbst die nicht, die andere als Gutmenschen beschimpfen.
Wenn es jedoch falsch ist, einer Frau auf den Po zu hauchen, Negerkuss zu sagen und Homosexualität als widernatürlich zu betrachten, dann bin ich kein guter Mensch. Dann waren all die Dinge, die ich von meinen Eltern gelernt, die ich Jahrzehnte gedacht habe, falsch.

Das kann einen Menschen in eine Krise stürzen. Nun hat man die Möglichkeit, sich damit auseinanderzusetzen und zu sagen, okay, dann lag ich falsch.

Oder

Man greift den Wandel an, stellt all diese Dinge als falsch dar und verteidigt seine Gedankensätze, Handlungen und Meinungen.

Als mir das bewusstgeworden ist, habe ich mich gefragt, was kann man da machen? Was kann ich tun? Diese Menschen haben vor dem Unbekannten angst. Wenn man ihnen nun zeigt, dass das Unbekannte nicht viel anders ist als man selbst, müsste sich die Angst abbauen lassen.
Ich überlegte, wie könnte ich das unterstützen? Artikel schreiben, Interviews führen, Videos machen.

Wie ihr vielleicht merkt, war ich während dieser Gedanken bei Montesquieu. Ich musste an die Feste denken, die z.B. von islamischen Gemeinden ausgerichtet werden. Feste der Begegnung, um Vorurteile und Ängste abzubauen.

Kaum hatte ich diesen Gedanken gedacht, als sich Hobbes zu Wort meldete und fragte, was das gebracht habe?
Brennen nicht schon wieder Asylbewerberheime? Steckt nicht Hass in den Worten dieser besorgten-Bürger? Werden nicht die Freiheiten bedroht, um die so viele Menschen gekämpft haben?

Plötzlich wandelte sich mein Enthusiasmus etwas tun zu müssen. Ich wurde ärgerlich, verspürte Resignation und automatisch fragte ich mich, ob nicht die einzige Möglichkeit dem entgegenzuwirken Gesetze sind.
Die AfD fordert Gesetze und Maßnahmen, die im Widerspruch zu unserem Grundgesetz stehen.
Ich bin für Meinungsfreiheit, für das Recht auf eine eigene Meinung, doch wenn diese Meinung offensichtlich anderen schadet und im Widerspruch zum Grundgesetz steht, sollte sie unterbunden werden.

Jeder Mensch, sollte so leben, wie er es für richtig hält, wenn er dabei niemanden schadet. Wenn du hetero bist, dann solltest du nicht gezwungen werden allein zu leben oder eine homosexuelle Beziehung eingehen zu müssen. (Dies scheint eine Angst der besorgten Bürger zu sein. Die Wahrscheinlichkeit, dass so etwas passiert, liegt bei Null). Wenn du homosexuell bist, dann solltest du deinen Partner/deine Partnerin heiraten dürfen, du solltest nicht gezwungen sein, dich zu verstecken. (Ich benutze das Worte "sollte", weil es ebend nicht so ist. Die Recht sind entweder noch nicht vorhanden oder noch nicht gefestigt.)

Nun gehen diese Wut-Bürger jedoch hin und wählen eine Partei, die all diese Freiheiten beschneiden will, die mich als Frau diskriminiert, die meine bessere Hälfte unter Generalverdacht stellt, die die Natur, Tiere und soziale Errungenschaften bedroht.
 
Mit anderen Worten, diesen Menschen ist es scheißegal, was andere wollen, womit andere Menschen glücklich sind. Sie wollen allen ihre Gedanken und Werte aufzwingen und das macht mich wütend.

Konsequenz: Diese besorgten Wut-Bürger müssen gesetzlich gezwungen werden, die Freiheit anderer anzuerkennen.

Moment!

Was bin ich jetzt plötzlich? Ein Gutmensch oder ein besorgter Wut-Gutmensch?

Der Hass im Internet, in der realen Welt, das fehlende Mitgefühl, die Idiotie, die Ignoranz und die Angst lassen mich von meinen eigenen Werten abweichen und das kann nicht richtig sein, nicht, wenn die Vernunft durch Wut ersetzt wird.


Ich wünsche Euch einen Wut-freien Tag.

Angela

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