Montag, 13. Juni 2016

Hochsensibel, Scannerpersönlichkeit oder wie wichtig sind Etiketten


Mein Neffe hatte einen sehr interessanten Beitrag über Hochsensibilität geteilt. In dem Artikel ging es um die Bedeutung des Begriffs, aber auch um die Streitigkeiten in der Fachwelt.
Als ich das las, erkannte ich einige Punkte wieder. Ich musste mich oft mit dem Wort “Sensibelchen“ belegen lassen.
Auf Grund des Artikels war ich also geneigt, meine Eigenschaften mit den aufgeführten Merkmalen zu vergleichen, doch plötzlich kam in mir die Frage auf, ob ich dieses Etikett wirklich brauche.

Ein Schritt zurück
Ich war immer ein Außenseiter. Ich hatte Freunde, gehörte aber nie wirklich dazu, war in keiner Clique oder einer Gruppe zuzuordnen. Ich stand immer außerhalb. Da die meisten Menschen das Bedürfnis in sich tragen, dazu zu gehören, Mitglied einer Gruppe zu sein, kann ich gut nachvollziehen, dass man sich gerne etikettiert.
Als ich endlich herausgefunden hatte, dass ich Angstanfälle habe, war das eine Erleichterung für mich. Ich hatte einen Namen und ich wusste nun, dass ich nicht alleine bin. Es gibt sogar ziemlich viel Menschen, die unter Panikattacken, Angstanfällen oder einer Angststörung leiden.
Zu wissen, dass man nicht allein ist, kann den Druck verringern und das ist verdammt wichtig.

Die Sehnsucht nach einem Etikett kann ich gut nachvollziehen.

Allerdings möchte ich an diesem Punkt eine kurze Unterscheidung einschieben. Im Internet kann ich nämlich ein Phänomen beobachten, dass weniger mit dem Wunsch nach Verstehen oder Zugehörigkeit zu tun hat.

Letztes Jahr bin ich über den Begriff Scanner oder Scannerpersönlichkeit gestolpert. Es gab immer mehr Artikel und Videos zu dem Thema und nun lese ich z.B. auf Facebook dauernd: Ich als Scanner … Da ich ein Scanner bin … Ich bin eine Scannerpersönlichkeit, deswegen …
Alle sind auf einmal Scanner.
Ich will ehrlich zu euch sein, das bezweifle ich. Ich bin mir nicht einmal sicher, ob es diesen Persönlichkeitszustand überhaupt gibt, dafür habe ich mich nicht intensiv genug mit der Materie beschäftigt.

Ist man gleich ein Scanner, wenn man unentschlossen ist? Die Vielfalt an Interessen, denen man nachgeht, hat vielleicht einfach etwas mit den heutigen Möglichkeiten zu tun und weniger mit einem Persönlichkeitskonstrukt. Beispiel: Mein Bruder arbeitet als Schlosser, in seiner Freizeit hat er geschrieben, gelesen, sich künstlerisch ausgetobt. Später machte er eine Umschulung zum Ergotherapeuten. Sein Wissen, seine Interessen und sein Können sind mannigfaltig. Ist er ein Scanner?
Keine Ahnung!

Ich möchte niemanden sein Etikett nehmen. Ich möchte nur daraufhin weisen, dass es immer wieder Trends gibt. Vor ein paar Jahren waren plötzlich alle multitaskingfähig, heute sind sie Scanner oder Hochsensibel.

Kommen wir zurück zu der Frage: Brauche ich dieses Etikett?

Neben der Sehnsucht einer Gruppe anzugehören, gibt es noch das Bedürfnis nach Akzeptanz.

Ich bin kein Weichei. Ich bin kein Sensibelchen. Ich übertreibe nicht. Ich bin hochsensibel.

Wenn ich den Menschen, die mich mit all diesen Worten belegt haben, erklären kann, was mit mir los ist, dann …
Was dann?

Ich kenne diesen Gedanken, diese Hoffnung, ich kenne aber auch die Enttäuschung, die damit verbunden ist. Jemand, der dich als Sensibelchen bezeichnet, wird seine Meinung nicht ändern, nur, weil du dich jetzt Hochsensibel nennst.
Ich habe doch schon immer gesagt, dass du ein Sensibelchen bist.

Als ich meiner Umwelt mitteilte, dass ich Angstanfälle und Panikattacken habe, waren die Reaktionen unterschiedlich. Manche verstanden und akzeptierten es sofort. Manche brauchten ein bisschen Zeit, um zu verstehen, was das bedeutet, um damit umgehen zu können. Manche sahen ihre Vermutung bestätigt, dass etwas mit mir nicht stimmt. Manche taten so, als würden sie es akzeptieren und verstehen. Als ich das nächste Mal z.B. eine Verabredung absagen musste, weil ich zu sehr in der Angst gefangen war, hörte die Akzeptanz schlagartig auf.

Für mich stellte es eine Erleichterung dar, zu wissen, dass ich Angstanfälle hatte und nicht verrückt wurde. Für manche Menschen gab es zwischen Angst und Verrückt keinen Unterschied. So wurde meiner damaligen Mitbewohnerin angeraten, die Messer zu verstecken, man könnte ja nie wissen. In diesem Fall war psychologisches Problem = Psychopath.

Es gibt Menschen, die akzeptieren dich, so wie du bist. Sie respektieren, dass dir neue Situationen Angst machen. Sie geben dir den Raum, den du brauchst, wenn sich alles zu viel anfühlt. Sie brauchen kein Etikett, um DICH zu akzeptieren.
Es gibt Menschen, die respektieren deine Bedürfnisse und Gefühle auch dann nicht, wenn du ihnen erklärst, dass du eine Scannerpersönlichkeit bist. Ihre Meinung über dich steht fest. Sie haben dir einen bestimmten Platz in ihren Weltvorstellungen zugewiesen und fertig.

Die entscheidende Frage ist: Brauchst DU dieses Etikett?

Wenn ja, dann ist das völlig in Ordnung und verständlich. Wenn nicht, dann ist das ebenfalls völlig in Ordnung.
Wenn du hoffst, ein Name kann dir dabei helfen, von bestimmten Menschen akzeptiert zu werden, dann sei vorsichtig. Jeder Mensch hat seine Vorstellungen und Glaubenssätze und manche sind nicht bereit sie zu überprüfen.


Ich wünsche Euch einen facettenreichen Tag.

Angela

Keine Kommentare:

Kommentar veröffentlichen