Mittwoch, 15. Februar 2017

Frauenbild in der Literatur heute - Literatur prägt das Bewusstsein. Von Sabine Ibing

#starkefrauen

Ich erinnere mich an ein Seminar in meinem Studium, in dem wir Gesellschaftsbilder an Hand von Bilderbüchern und Schulbüchern analysierten. Schon im Mathebuch kann man an Textaufgaben die Unterschiede sehen:
Mutter backt Kekse ... Vater recht Laub ...  (60ger)
Michaela und Ayshe spielen Murmeln (80er) ...
Baggerführerin Ella braucht 3 Stunden um (DDR) ...

Ich will nun keinen Literaturrückblick auf die Geschichte geben, vielleicht noch erwähnen, dass viele Frauen bis in die 80er Krimis unter männlichem Pseudonym schrieben, weil man behauptete, Frauen können keine Krimis schreiben. Doch wenn ich mir die heutige Literatur ansehe, stelle ich fest, dass die Welt für Frauen nicht größer wird, wir derzeit sogar einen Rückschritt starten. Wo sind denn die Wissenschaftlerinnen und Forscherinnen in unseren Büchern? Wo sind Managerinnen und taffe Figuren, Frauen, die sich ihren Weg bahnen? Wo sind die Schicksale von Frauen, die in die Ecke gedrängt werden? Studium, Kindererziehung, keine Chance für beruflichen Einstieg bei der Rückkehr in den Job, Pflege der Alten, Job nebenbei, während der Mann Karriere macht. Nach der Scheidung hat er eine gute Rente, sie lebt am Sozialhilfeniveau, weil sie zu wenig eingezahlt hat. Es sind reale Geschichten. Das will aber keiner lesen?

Verdrängung der Realität. Liebesromane, historische Liebesgeschichten, Fantasyliebesromane, Chicklit, Hauptsache Romantik, verklärte Welt, süße Badboys, die Frauen verarschen; dürfen sie, sind doch süße Badboys ... Wollen wir das wirklich lesen?

In meiner Kindheit war unser Vorbild »Heidi« aus den Bergen, die eine Züricher Familie aufmischte und » Die rote Zora und ihre Bande«. Bei der Generation meiner Tochter war es die freche »Biene Maja«, »Pipi Langstrumpf«, »Momo«, »Lara Craft«. Schaut man heute in die Kinderzimmer, ist alles rosa, »Prinzessin Lilifee«, »Barbie«, passend dazu Lernsoftware, Computerspiele, Heftchen. Die Ansammlung von Lippenstift, Lidschatten und Nagellack bei Mädchen unter 10 überschreitet wahrscheinlich das, was ich bis zum Lebensende zusammensammeln werde. Da wundert man sich nicht, wenn auch die Frauenliteratur voller schmachtender Barbies steckt. Immer wieder hört man von Autorinnen, dass ihre Manuskripte abgelehnt werden, wenn sie nicht ins Schema passen: Handwerkerinnen, Agentinnen die sich mittels Kampfsport zu wehren wissen (selbst James Bond bekommt seit Jahren eine gleichberechtigte Partnerin beiseitegestellt), unsympathische Frauenfiguren, Frauen, die andere abzocken ...

Es wird sogar an der Kleidung von Protagonistinnen gemäkelt, sie seien nicht feminin genug, müssen umgeschrieben werden. Da Schriftstellerinnen nun mal von irgendwas leben müssen, sind sie oft genug bereit, sich anzupassen, ungern. Mittlerweile geben Verlage auch mal Vorgaben, was zu schreiben wäre, wie die Figuren auszusehen hätten ... Beliebt ist auch die Taschentuch-Literatur, Autobiografien über Krankheit und Tod und Autobiografisches, Ratgeber, die anleiten, wie man seine Speckrollen loswerden kann, Models, Schauspielerinnen, die Frau erklären, wie man »hübsch« aussehen kann. In Frauenzeitschriften findest du auf den ersten Seiten Diättipps, wir du 20 kg verlieren kannst. Und auf den letzten Seiten präsentieren sie dir leckere Menüs und Kuchen, schwerwiegende Rezepte …  Seit ich lesen kann, beobachte ich dieses Phänomen in Frauenzeitschriften. Frauen, warum lasst ihr euch das gefallen? Solche Magazine braucht die Welt nicht!Gibt es in der Literatur noch Heldinnen wie Lara Craft? Gibt es taffe Frauen, Wissenschaftlerinnen, Forscherinnen? Gibt es Gesellschaftsliteratur über die täglichen Heldinnen? Es gibt sie, man muss sie heutzutage leider suchen und man muss sich darauf einlassen. Je mehr Literatur über starke Frauencharaktere gelesen wird, umso mehr wird sie auch gedruckt werden. Die Verlage bringen das heraus, von dem sie meinen, sie könnten es verkaufen … Liebe Verleger*innen, seid mutig! Bringt Bücher heraus, die nicht rund sind, nicht dem angeblichen Mainstream entsprechen. Leider kommen viele gute Bücher aus dem Ausland, es sind Übersetzungen. Denn ähnliche Bücher von deutschen Schriftstellern*innen werden von euch abgelehnt … läuft nicht … Seid mutig, die Leser*innen werden es euch danken.

Gastbeitrag von Sabine Ibing

Herzlichen Dank für den zum Nachdenken anregenden Beitrag. Ich hoffe wirklich, dass sich jemand aus dem Verlagswesen deine Bitte zu Herzen nimmt, denn ich kann sie nur unterstützen.


sabine ibing

Sabine Ibings Blog :http://www.sabine-ibing.ch/literaturblog-sabine-ibing.htm




15.02. = Sabine Ibing: http://www.sabine-ibing.ch/literaturblog-sabine-ibing.htm
Buch: Miss Terry von Liza Cody

16.02. =Ira Ebner: http://iraebner.blogspot.de/
Buch: Madame Mao von Anchee Minh

17.02. = Angela Gaede ;)
Buch: Der Fluch der Spindel von Neil Gaiman und Chris Riddell

18.02. = Ela von Immertreu: http://du-bist-was-du-liest.de/
Buch: Auf eigenen Beinen: Eine vierfache Mutter startet in die Selbständigkeit von Petra van Laak

19.02. = Marie: http://www.vielleserin.de/
Buch: Die Spuren meiner Mutter von Jodi Picoult

20.02. = Ulrike Blatter:  https://ulrikeblatter.wordpress.com/
Buch: Puppensammler von Mila Lippke

21.02. = Sabine Ibing

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