Sonntag, 28. Mai 2017

Normalität oder Nicht-Normalität



Autorin Angela Gaede

Gehen ein moslemischer Atheist, eine koreanische Protestantin und eine gläubige Heidin in die Kirche
. Das könnte der Beginn eines schlechten Witzes sein, doch es ist nur die Beschreibung eines Moments. Wir wohnen jetzt seit fast drei Jahren auf dem Land und hier gibt es unglaublich viele Kirchen und kleine Kapellen. Fast jedes Mal, wenn meine beste Freundin uns besucht hat, sind wir in eine Kirche gegangen.

Was soll ich sagen, keiner von uns ist in Flammen aufgegangen, obwohl wir sogar mit Weihwasser in Berührung gekommen sind. Jeder von uns hat seinen eigenen Glauben, seine eigene Glaubens-Normalität.

Man muss den Glauben des anderen nicht teilen, aber man kann ihn respektieren, vor allem dann, wenn man sieht, dass er der Person gut tut. Manchmal ist das jedoch schwierig.
Als wir vor Urzeiten mit der Schule in Florenz waren, mussten wir Mädchen unsere Schultern (die durch Trägertops zu sehen waren) bedecken, bevor wir die Kirchen betraten.
Da prallte die Kirchen-Normalität auf meine.
Ich glaube, dass Gott, die göttliche Macht, die große Göttin, die Götter, wissen wie wir außen und innen aussehen. Für wen muss ich mich in einer Kirche bedecken? Es ist Gotteshaus, Gott weiß, wie er mich erschaffen hat, für wen also bedecke ich meine Schultern?

Ich hinterfrage an dieser Stelle etwas, weil es nicht meiner Normalität entspricht. Die Italiener machten nicht den Eindruck, als würden sie sich den Kopf darüber zerbrechen, weil es für sie normal ist. Solange diese Normalität nicht einschränkend oder verletzend wirkt, gibt es keinen Grund, über sie nachzudenken oder sie ändern zu wollen.

Möchte ich meine Schultern auf keinen Fall bedecken, stört mich das zu sehr, kann ich immer noch vor der Kirche stehen bleiben. Dort kann ich mich nun über meine nackten Schultern freuen oder Plakate malen und für das Recht auf nackte Schultern demonstrieren.

Die Normalität eines anderen zu respektieren, bedeutet nicht, sie leben zu müssen. Es bedeutet zuzuhören und ihn ernst zu nehmen.


Ich wünsche Euch einen schulterigen Tag.

Angela

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